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Eine Frage des Willens

Auf den folgenden Artikel in der Frankfurter Rundschau vom 12. 2. 2004 hat mich Thomas Mertens, Professor an der Universität Nijmegen, aufmerksam gemacht. Er und Marion Heinz, Professorin für Philosophie an der Universität Siegen, haben vom 13. bis 15. Februar dieses Jahres ein überaus lehrreiches und spannendes Seminar zu John Rawls's rechtsphilosophischen Werk Justice as Fairness durchgeführt.

Wie motivierend die Beschäftigung mit diesem Bereich der Philosophie sein kann, sich mit drängenden, realen Gegenwartsproblemen auseinander zu setzen, demonstriert der Artikel des Rawls-Schülers Thomas Pogge von der Columbia University. Selbstverständlich sind in der Sache hier neben PhilosophInnen vor allem auch die ÖkonomInnen gefordert!

Karl-Josef Koch

Eine Frage des Willens

Die Massenarmut in den Ländern des Südens ist nicht einfach Schicksal, sondern Konsequenz der gegenwärtigen Ordnung der Welt

Das bislang schwerste Verbrechen gegen die Menschlichkeit liegt hinter uns. Das größte aber findet heute statt: Weltarmut. Es ist wie gehabt - wir wirken mit und schauen weg.

Der Zweite Weltkrieg forderte insgesamt rund 50 Millionen Menschenleben. Seit Ende des Kalten Krieges starben etwa 270 Millionen Menschen an armutsbedingten Ursachen - zwei Drittel von ihnen Kinder unter fünf Jahren. Jährlich kommen 18 Millionen hinzu, ein Drittel aller Todesfälle.

Knapp die Hälfte aller Menschen lebt unterhalb der Zwei-Dollar-pro-Tag-Armutsgrenze, die heute der Kaufkraft von 1000 Dollar pro Jahr in den USA entspricht. Im Schnitt liegt sie 43 Prozent unter dieser Grenze, also bei 570 Dollar Kaufkraft (140 Dollar nach Wechselkursen). Rund ein Fünftel der Menschheit lebt durchschnittlich 30 Prozent unterhalb der Ein-Dollar-pro-Tag Armutsgrenze.

Davon kann man nicht anständig leben. 800 Millionen Menschen sind chronisch unterernährt, eine Milliarde verfügt nicht über sauberes Trinkwasser. 880 Millionen müssen ohne jede Gesundheitsfürsorge auskommen, 2,4 Milliarden ohne sanitäre Einrichtungen. Zwei Milliarden Menschen haben keinen elektrischen Strom, eine Milliarde ist obdachlos. 876 Millionen Erwachsene sind Analphabeten.

Nie war solch bittere Armut so leicht vermeidbar. Das kollektive Einkommen der 2,8 Milliarden Armen liegt bei 400 Milliarden Dollar pro Jahr. Was ihnen bis zur Erreichung der Zwei-Dollar-Armutsgrenze fehlt, sind rund 300 Milliarden. Das sind 1,2 Prozent der nationalen Einkommen der reichen Länder, die jährlich insgesamt 25 400 Milliarden Dollar betragen - also 26 300 Dollar pro Kopf, im Vergleich zu den jährlich 140 Dollar der Armen.

Seit Mitte der neunziger Jahre haben die Politiker der Welt sich mehrfach verpflichtet, die Weltarmut bis 2015 zu halbieren. In den reichen Ländern wird applaudiert. Doch sind 9 Millionen vermeidbare Armutstode im Jahr 2015 und 150 Millionen in den Jahren bis dorthin wirklich ein so lobenswerter Plan? Und mittlerweile wurde selbst diese lahme Selbstverpflichtung reduziert. Beim Welternährungsgipfel von Rom im Jahre 1996 ließ man verlauten, man werde zwischen 1996 und 2015 die Anzahl extrem armer Menschen halbieren. Das erste Millennium-Entwicklungsziel verspricht hingegen, zwischen 1990 und 2015 die Proportion der in extremer Armut Lebenden zu halbieren.

Tricks mit der Statistik

Das ist gewieft. Indem man "Anzahl" durch "Proportion" ersetzt, profitiert man vom rapiden Bevölkerungswachstum in den Entwicklungsländern. Indem man den relevanten Zeitraum rückwärtig bis 1990 verlängert, erhöht man diesen statistischen Vorteil noch und kann sich zudem den riesigen Armutsrückgang der neunziger Jahre in China zugute halten.

Dem neuen Ziel zufolge wäre die Ein-Dollar-pro-Tag-Armut von 1292 Millionen im Jahre 1990 auf 937 Millionen im Jahre 2015 zu reduzieren. Als dieses Ziel im Jahr 2000 verkündet wurde, hatte China allein über 30 Prozent dieser "geplanten" Armutsreduktion bereits vollbracht. In Wirklichkeit verspricht das erste Millennium-Entwicklungsziel bloß eine zwanzigprozentige Reduzierung der ein-Dollar-pro-Tag-Armut: von 1170 Millionen im Jahr 2000 auf 937 Millionen im Jahr 2015.

Unsere erstaunliche Toleranz für die massive Armut in den Entwicklungsländern dokumentiert extreme Hartherzigkeit und einen erschreckenden Mangel an Hilfsbereitschaft. Wer allerdings diese Toleranz nur als unterlassene Hilfeleistung ansieht, nimmt an, dass die gegenwärtige ökonomische Verteilung gerecht ist. Diese Annahme ist jedoch fragwürdig in Anbetracht des historischen Weges - mit Kolonialismus, Sklaverei und Völkermord -, auf dem die jetzt bestehende riesige Ungleichheit sich schrittweise entwickelt hat.

Die Annahme ist fragwürdig auch in Anbetracht der globalen institutionellen Ordnung, die die Armutsentwicklung in den armen Ländern massiv beeinflusst. Bei der Gestaltung dieser Ordnung (zum Beispiel der WTO-Regeln) dominieren die reichen Staaten, die trotz aller Freihandelsrhetorik auf Absicherung ihrer massiven Subventionen und Schutzzölle bestanden, wie Cancun wieder einmal deutlich gezeigt hat. Die Führungscliquen der armen Länder können uns hier und da kleine Konzessionen abringen. Die Interessen der Armen jedoch sind ohne Fürsprecher und bleiben weitestgehend unberücksichtigt.

Die Armen sind selbst schuld, so wird gesagt, wenn sie sich von solchen Cliquen regieren und vertreten lassen. Man fordert gerne und häufig "good governance" in den armen Ländern ein. Aber die korrupte und repressive Machtausübung in vielen dieser Länder ist selbst durch globale Faktoren bedingt.

Rohstoffe und Waffen

Es liegt an unseren Regeln, dass korrupte Putschisten uns die Rohstoffe der von ihnen brutal beherrschten Länder verkaufen, dass sie im Namen ihrer Länder Kredite aufnehmen und mit beiderlei Erlösen bei uns die Waffen kaufen können, die sie zur Aufrechterhaltung ihrer Herrschaft brauchen.

Das entschuldigt keineswegs den Machtmissbrauch, der in so vielen Entwicklungsländern die Armut verschärft. Aber es zeigt die Mitschuld der reichen Staaten: Wir haben die Welt unseren Interessen gemäß eingerichtet, und es ist völlig klar, dass der Großteil der heutigen Armut durch eine gerechtere Weltordnung vermeidbar wäre. Somit tragen wir zur Weltarmut nicht nur passiv (durch Hilfsverweigerung) bei, sondern auch aktiv: Durch die Aufrechterhaltung einer ungerechten Weltordnung, die - vorhersehbar und vermeidbar - das unvorstellbare Elend der armen Hälfte der Menschheit reproduziert.

Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Dokument erstellt am 11.02.2004 um 17:40:13 Uhr
Erscheinungsdatum 12.02.2004

 

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