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2016-11-25: Wird es mehr, wenn wir teilen?

Die „Wirtschaftspolitischen Gespräche“ der Universität Siegen haben sich dieses Mal mit Gemeinschaftsgütern beschäftigt – und der Frage nach ihren Möglichkeiten und Grenzen.

 

Am Anfang des Diskussionsabends zum Thema „Gemeinschaftsgüter“ im Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKos) stand eine Vision: Die Vision von einer Welt, in der jeder und alles in einem großen, digitalen Netz miteinander verbunden ist. Dieses Datennetz liefert jederzeit perfekte Informationen über Angebot und Nachfrage, jeder Bedarf wird sofort erkannt und befriedigt. Konsumenten werden zu „Prosumenten“, die ihre selbst produzierten Güter untereinander teilen und tauschen. Statt Kapitalismus und Eigennutz regieren Empathie und Nachhaltigkeit. Als „digitalen Garten Eden, eine Verschmelzung von Google, Marx und den Amish People“ beschrieb Moderator und ZEIT-Journalist Dr. Heinrich Wefing diese Vision provokant überspitzt – um dem Podium der „Wirtschaftspolitischen Gespräche“ gleich die entscheidende Frage zu stellen: „Was ist dran an der Verheißung einer ‚Ökonomie des Teilens‘?“

Teilen ist nicht gleich Teilen - darin waren sich die geladenen ExpertInnen aus Ökonomie und Politik einig. Viele Phänomene des Teilens seien einfach clevere Geschäftsideen, erklärte Professor Nils Goldschmidt vom Zentrum für ökonomische Bildung (ZöBiS) der Uni Siegen. Beispiel Car-Sharing: „Da haben Sie zwar das Gefühl, sich mit anderen ein Auto zu teilen. Dieses Auto gehört aber einem Unternehmen, das damit Gewinn macht.“ Auch bei der Zimmervermittlung Airbnb gehe es weniger um „echtes“ Teilen, sondern darum, Privateigentum zeitweilig und gegen Geld anderen zu überlassen. Aber auch solche kommerziellen Geschäftsmodelle beruhten auf dem Wunsch der Menschen nach Nähe; danach, etwas mit anderen zu teilen: „Dieses Bedürfnis sollten wir ernst nehmen.“

Gemeinschaftsgüter funktionieren nach Regeln

Der Begriff des Teilens dürfe nicht „weichgespült“ werden, warnte die wohl bekannteste Aktivistin der „Commons“-Bewegung in Deutschland, Silke Helfrich: „Sie müssen immer schauen: Wer streicht die Gewinne ein?“ Bei wirklichen Gemeinschaftsgütern oder auch Commons handele es sich nicht um eine Geschäfts-, sondern um eine Gestaltungsidee. Sie verwende dafür gern das englische Verb „commoning“, so Helfrich: „Gemeinschaftsgüter sind nicht, sie werden gemacht. Eine Gruppe gibt sich Regeln des Zugangs und kontrolliert selbst, dass diese auch eingehalten werden.“ Beispiele für solche Gemeinschaftsgüter gebe es jede Menge: Wikipedia, das gemeinschaftliche Bewirtschaften öffentlicher Gärten beim „Urban Gardening“, in einem weiter gefassten Sinne könnten auch Ressourcen wie Wasser oder saubere Luft als Commons betrachtet werden.

Doch welche Auswirkungen haben Gemeinschaftsgüter, hat gemeinschaftlich organisierte Teilhabe auf unsere Marktwirtschaft? Diese Entwicklung sei offen und müsse abgewartet werden, meinte der emeritierte VWL-Professor und Senior Research Fellow am Max-Planck-Institut zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern, Carl Christian von Weizsäcker. Entscheidend seien die Bedürfnisse des Einzelnen: „Jeder muss für sich entscheiden dürfen: Frage ich als Kunde etwas kommerziell ab? Oder schließe ich mich einer Gemeinschaft an? Sie können niemanden zwingen, ein Auto zu teilen oder zur Kleiderbörse zu gehen.“ Sie habe nichts gegen Ergebnis-Offenheit, aber das marktwirtschaftliche System dürfe auch nicht bevorteilt werden, erwiderte Commons-Aktivistin Helfrich – und forderte mehr Unterstützung für die Commons. Die gebe es längst, hielt Weizsäcker dagegen: „Wer zahlt denn eigentlich die Steuern? Commons sind steuerbefreit und damit enorm privilegiert.“

Vor einer Idealisierung der Commons warnte Politik-Professor Reinhard Loske von der Universität Witten/Herdecke. Die Bewirtschaftung von Gemeinschaftsgütern schließe immer auch Menschen aus. „Da stellt sich schon die Frage: Wer gehört dazu - und wer nicht?“ Der Commons-Begriff werde außerdem häufig zu weit ausgedehnt und damit beliebig. In der Praxis finde „Sharing“, also die gemeinschaftliche Teilhabe, vor Ort statt, sagte der ehemalige Grünen-Politiker und Bremer Senator. „Die Politik ist deshalb vor allem auf lokaler Ebene gefragt, sie kann dort viel tun, um die nötigen Räume zu schaffen.“

Commoning als digital vermitteltes Picknick

Welchen politischen Rahmen Commons benötigen – und ob die Politik die Dynamik aktiv in Gang bringen sollte, dazu gab es auf dem Podium unterschiedliche Ansichten. Werde das Politische über die Ökonomie gestellt, führe das in die Stagnation, warnte Weizsäcker: „Ein System, das alles politisiert, zentralisiert die Entscheidungen, es entsteht zu wenig Neues.“ Wir lebten in einer sozialen Marktwirtschaft, daher müsse der Staat den Rahmen setzen, argumentierte dagegen Nils Goldschmidt. Es gehe dabei nicht um Steuerung, sondern um Kanalisierung.

Helfrich forderte, nicht nur in den Kategorien „Markt“ und „Staat“ zu denken: „Wir müssen die Gesellschaft als vernetztes System begreifen, in dem jeder Knoten mit jedem verbunden ist.“ Das Bild des „digitalen Garten Eden“ als „Verschmelzung von Google, Marx und den Amish People sei dafür aber falsch: „Stellen Sie sich besser ein digital vermitteltes Picknick vor, zu dem jeder etwas beitragen muss.“

Hintergrund: Die „Wirtschaftspolitischen Gespräche“ sind eine gemeinsame Veranstaltungsreihe des Zentrums für ökonomische Bildung (ZöBiS) und der Forschungskollegs „Zukunft menschlich gestalten“ (FoKoS) der Universität Siegen. Die öffentlichen Streitgespräche finden seit drei Jahren regelmäßig statt und beleuchten unterschiedliche Fragen der Wirtschaftspolitik.

Zur Bildergalerie der Veranstaltung finden Sie hier.

Text: Tanja Hoffmann

Bilder: Trixi Agatha

 

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29.11.2016 idw - Informationsdienst Wissenschaft "Wird es mehr, wenn wir teilen?"